„Du kannst niemanden lieben, solange du dich nicht selbst liebst.“ Diesen Satz kennt fast jeder, von Social Media, Postkarten und aus Ratgebern. In dieser Folge von Anna Schaub Coaching® – Der Podcast prüft Life Coach Anna Schaub, was die Forschung dazu sagt. Ihr Ergebnis: Nein, du musst dich nicht erst selbst lieben, um geliebt zu werden. Selbstwert und Liebe wachsen miteinander.
Was an dem Satz dran ist: Selbstwert beeinflusst deine Beziehung
In der Psychologie spricht man statt von Selbstliebe meist vom Selbstwert, also davon, wie wertvoll du dich selbst erlebst. Die Forschungsgruppe um Ulrich Orth an der Universität Bern hat gezeigt, dass der Selbstwert beider Partner mit der Zufriedenheit in der Beziehung zusammenhängt. Verändert sich der Selbstwert, verändert sich auch die Zufriedenheit (Erol & Orth, 2014). Menschen mit höherem Selbstwert gehen außerdem eher langfristige Beziehungen ein, Menschen mit niedrigerem Selbstwert trennen sich eher (Luciano & Orth, 2017). Ein gesunder Selbstwert ist also eine der wichtigsten Stellschrauben für eine erfüllte Partnerschaft.
Wo der Satz falsch wird: das Wort „erst“
Der Satz behauptet eine feste Reihenfolge, als müsstest du eine Prüfung bestehen, bevor du dich für eine Beziehung qualifizierst. Genau das gibt die Forschung nicht her. Eine große Metaanalyse mit Langzeitdaten von zehntausenden Menschen über alle Lebensphasen zeigt einen wechselseitigen Zusammenhang: Gute Beziehungen stärken den Selbstwert, und ein stärkerer Selbstwert stärkt die Beziehungen (Harris & Orth, 2020). Wie stark diese Effekte genau sind, wird in der Forschung noch diskutiert. Eine strenge Reihenfolge lässt sich daraus aber nicht ableiten.
Selbstliebe ist keine Eintrittskarte. Dein Selbstwert kann auch in einer Beziehung wachsen, mit einem Menschen, der dich sieht, der dich ernst nimmt und bei dem du dich sicher fühlst.
Wozu nutzt du diesen Glaubenssatz?
Jeder Glaubenssatz erfüllt einen Zweck. Wenn du den Satz bisher genutzt hast, um Beziehungen aufzuschieben, frag dich ehrlich, warum. Vielleicht stecken andere Glaubenssätze dahinter, über Nähe, über das Sich-Einlassen oder über das andere Geschlecht.
Die Ausnahme: wenn du nicht allein sein kannst
Anders ist es, wenn du Beziehungen vor allem suchst, um nicht allein sein zu müssen, bis hin zu Unruhe, Panik oder dem Gefühl, allein nicht zurechtzukommen. Die Forschung bestätigt, dass das riskant ist. Menschen mit größerer Angst vor dem Singlesein bleiben eher in unbefriedigenden Beziehungen und wählen potenzielle Partner beim Online-Dating und Speed-Dating weniger sorgfältig aus (Spielmann et al., 2013). In diesem Fall ist es sinnvoll, zuerst diesen Glaubenssatz aufzulösen und die innere Sicherheit zu gewinnen, auch allein gut leben zu können. livescience
Drei Gedanken für einen gesunden Selbstwert
- Selbstliebe heißt nicht, alles an dir gut zu finden. Du musst nicht alles an dir mögen, aber du kannst trotzdem alles an dir lieben.
- Die Liebe, die du fühlst, ist deine eigene. Das Gefühl der Liebe entsteht in dir, nicht dadurch, wie viel Liebe dir jemand „gibt“.
- Erfahrung heilt mehr als Theorie. Echtes Selbstvertrauen entsteht, wenn du dich einlässt und erlebst, dass du auch mit Konflikten und Enttäuschungen umgehen kannst.
Häufige Fragen
Muss man sich erst selbst lieben, bevor man eine Beziehung eingehen kann?
Nein. Laut Längsschnittforschung beeinflussen sich Selbstwert und Beziehungsqualität gegenseitig. Selbstliebe ist keine Voraussetzung für eine Beziehung, sie kann auch in einer Beziehung wachsen.
Wie hängen Selbstwert und Beziehungszufriedenheit zusammen?
Studien der Universität Bern zeigen, dass ein höherer Selbstwert mit höherer Beziehungszufriedenheit einhergeht und gute Beziehungen umgekehrt den Selbstwert stärken.
Wann sollte man trotzdem erst an sich arbeiten?
Wenn die Angst vor dem Alleinsein so groß ist, dass du Beziehungen eingehst, die dir nicht guttun. Dann steht die innere Sicherheit an erster Stelle.
Was ist der Unterschied zwischen Selbstliebe und Selbstwert?
Selbstwert ist der psychologische Fachbegriff dafür, wie wertvoll du dich selbst erlebst. Selbstliebe ist die alltagssprachliche Entsprechung.
Über den Podcast
In der Reihe „Beziehungsmythen im Faktencheck“ prüft Anna Schaub, Life Coach mit fast zwanzig Jahren Erfahrung und Gründerin von Anna Schaub Coaching®, verbreitete Glaubenssätze über die Liebe anhand wissenschaftlicher Studien.
Kennst du jemanden, den dieser Satz schon lange begleitet? Dann teile die Folge mit ihm. Und schreib Anna auf Instagram unter @anna_schaub_official, welchen Beziehungsmythos sie als Nächstes unter die Lupe nehmen soll.
Quellen
- Erol, R. Y. & Orth, U. (2014). Development of self-esteem and relationship satisfaction in couples: Two longitudinal studies. Developmental Psychology.
- Luciano, E. C. & Orth, U. (2017). Transitions in romantic relationships and development of self-esteem. Journal of Personality and Social Psychology.
- Harris, M. A. & Orth, U. (2020). The link between self-esteem and social relationships: A meta-analysis of longitudinal studies. Journal of Personality and Social Psychology.
- Spielmann, S. S. et al. (2013). Settling for less out of fear of being single. Journal of Personality and Social Psychology, 105(6), 1049–1073.